Lakomaer Teiche

Braunkohlentagebau frisst Dörfer

Mit diesem Beitrag möchten wir ihnen ein Landschaftsschutzgebiet vorstellen, welches möglicherweise nicht mehr lange existieren wird.

Nur fünf Kilometer nordöstlich von Cottbus gelegen liegt das kleine Dorf Lakoma. Klein, weil es inzwischen nur noch aus einem halben Dutzend Häusern besteht. Es gehört zu einer etwa 300 Hektar großen Teichlandschaft mit 24 Fischbecken.

Zirka 200 Jahre lang wird diese Fläche schon vom Menschen bewirtschaftet. In diesem Zeitraum hat sich aus dieser gewachsenen Kulturlandschaft ein ganz besonderer Lebensraum im Charakter einer Auenlandschaft entwickelt.

Sein Wasser bezieht dieses Gebiet durch den Hammergraben aus der Spree. Ein technisches Denkmal früher Wasserbaukunst, welches um das Jahr 1550 künstlich angelegt wurde.

In den Fischteichen werden einsömmrige Karpfen kommerziell gehalten. Ein gutes Beispiel für eine funktionierende Allianz von wirtschaftlichen Interessen und Naturschutz. Ein Unterfangen, welches aber durch die Grundwasserabsenkungen des nahen Tagebaus zurzeit erheblich erschwert wird. Eine Dichtwand riegelt das Gebiet immer stärker vom Grundwasserzustrom ab. Rund 80 Prozent des in die Teiche gefüllten Wassers versickert wieder.

An jedem Wochenende zieht es unzählige Ausflügler, seien es nun Radfahrer, Fußgänger oder Angler in das ökologisch wertvollste Naherholungsgebiet der Stadt Cottbus. Mehr als 100 Tier- und Pflanzenarten, die auf der Roten Liste stehen, sind hier zu finden. Doch Brandenburgs größtem Brutgebiet der Rotbauchunke droht die Abbaggerung. Damit würden auch die ebenso wichtigen Vorkommen des Eremiten, des Fischotter und Seeadlers verschwinden. Auch Laubfrosch, Wiedehopf und Schellente wären die Opfer. Deshalb setzen sich viele Organisationen, denen der Naturschutz am Herzen liegt, wie BUND, NABU, Robin Wood und Grüne Liga, für den Erhalt dieser bedrohten Landschaft ein.

Im Jahr 2006 hat sich der Braunkohlentagebau Cottbus-Nord von Südosten heran bewegt und wird dieses wertvolle Biotop zerstören. All dies für eine nur wenige Meter starke Braunkohlenschicht. Irgendwann soll in der Umgebung einmal ein riesiger Tagebausee entstehen, obwohl die Versauerung anderer verfüllter Tagebaurestlöcher (die damit mehr oder weniger „biologisch tot” sind) eine aktuell noch nicht wirklich gelöste Frage ist.

Mit der globalen Klimaveränderung einhergehend wird die Niederschlagsmenge in Zukunft abnehmen. Probleme, die sich aus der Wasserknappheit ergeben, sind damit vorprogrammiert.

Die Braunkohleverstromung gehört zu den abgasintensivsten Wegen der Stromgewinnung. Das mit der Braunkohle betriebene Kraftwerk Jänschwalde, in dem die Verbrennung von Müll geplant ist (nicht unbedingt ein Zeichen nachhaltiger Umweltpolitik), ist das älteste Kraftwerk in den neuen Bundesländern, dessen Betrieb nur mit einer Ausnahmeregelung möglich ist. Sein Wirkungsgrad ist äußerst niedrig. Braunkohle ist ferner ein hochsubventionierter Energieträger*. Die Emissionsmenge an Dioxin und Quecksilber ist hier etwa 50 bis 500 mal höher als in einer vom Energiekonzern Vattenfall betriebenen Müllverbrennungsanlage in Hamburg. Vattenfall gehört zu den fünf größten Kohlendioxid-Produzenten Europas. 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus Jänschwalde machen etwa 4 Prozent der gesamtdeutschen Emission dieses Treibhausgases aus.

Vattenfall, ein überwiegend in schwedischen Staatsbesitz befindlicher Konzern, ist auch der Betreiber des Tagebaus Cottbus-Nord und weiterhin einer der größten Grundeigentümer Deutschlands. Zu ihm gehören unter anderem die Berliner BEWAG, die Hamburger HEW, sowie die LAUBAG.

Ohne größere finanzielle Verluste für den Konzern, oder an Arbeitsplätzen, wäre ein Abbaustopp südlich des Hammergraben-Altlaufs möglich, wie es schon ein Landschaftsentwicklungsplan 1996 für die Stadt Cottbus vorsieht. Alte Kulturlandschaft und neu zu schaffender See könnten sich so gut ergänzen. Damit wäre es möglich, Wohnen, Landnutzung, Naturschutz und Erholung durchaus in Einklang zu bringen.

Als im Jahr 2000 wertvolle Gebiete Brandenburgs (für das Schutzgebietsnetz der Europäische Union, NATURA 2000) nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtline (FFH) an die EU gemeldet wurden, eine Auswahl, die ausschließlich nach naturschutzfachlichen Gesichtspunkten erfolgen darf, blieben die Lakomaer Teiche unerwähnt. Wirtschaftliche Erwägungen erschienen wichtiger. Die EU hatte 2004 inzwischen ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Damit einhergehend könnte die Zahlung sämtlicher EU-Strukturfonds in Milliardenhöhe ausgesetzt werden. Der Nachweis des Eremiten 2003 in alten Baumbeständen der Lakomaer Teiche, durch einen Berliner Insektenkundler, zwang die Landesregierung zu einer Nachmeldung an die EU. Als „prioritäre Art” nach der FFH-Richtline genießt der Käfer den höchsten europäischen Schutzstatus.

Doch weder Eremit noch Rotbauchunke allein können die Zerstörung dieser besonderen Landschaft verhindern. Theoretisch sind Ausgleichsmaßnahmen (Renaturierung der Spreeaue, Umsiedelung) denkbar, die aber niemals einen annähernd gleichwertigen Ersatz schaffen können. Von den finanziellen Kosten, geschätzt etwa mehr als 20 Millionen Euro, einmal abgesehen.

Der Lakoma e.V., der sich zusammen mit der Grünen Liga federführend für den Schutz der Teichlandschaft einsetzt, ist im November 2004 für sein Engagement mit dem MUNA-Preis 2004 ausgezeichnet worden. Dieser Umweltpreis wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und dem Zweiten Deutschen Fernsehen vergeben.

Bevor das Brandenburger Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe als zuständige Behörde entscheidet, ob die geschützte Lakomaer Teichlandschaft dem Tagebau geopfert werden darf, muss noch die Stellungnahme der EU-Kommission abgewartet werden.

Zur Zeit läuft vom Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe noch das Planfeststellungsverfahren. Alle bisher erteilten Genehmigungen sollen Auflagen, Nebenbestimmungen und Hinweise beinhalten, die sicherstellen, dass keine erhebliche Beeinträchtigung des Teichgebietes Lakoma und des Hammergraben-Altlaufes erfolgt. Durch das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe wurden darüber hinaus im Oktober 2005 nachträgliche Auflagen zur Hauptbetriebsplanzulassung bezüglich der FFH-Arten Fischotter und Großer Feuerfalter sowie im Dezember 2005 bezüglich des Baustellenverkehrs erteilt.

Indes schafft die Landesregierung vollendete Tatsachen. Sie gibt vor zu wissen, dass die Menschen der Braunkohle den Vorrang vor einem intakten Naturraum geben und misst dem Arbeitsplatz-Argument – besonders im fast deindustrialisierten und von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Osten – zunehmend mehr Gewicht bei. In allernächster Zeit sollen der Hammergraben und die Lakomaer Teiche trocken gelegt werden, obwohl gerade erst in dem Gebiet eine weitere unter europäischem Naturschutz stehende Art entdeckt wurde: die Grüne Keiljungfer.

Ralf Salecker (Text, Fotos)
 

Eremit (Osmoderma eremita)

Der Eremit wird wegen seines Geruchs nach mit Juchtenöl imprägniertem Leder auch als Juchtenkäfer bezeichnet. Er wird in der „Roten Liste Deutschland” in die Gefährdungsklasse 2 (Stark gefährdet) eingeordnet. Seinen Namen erhielt er aufgrund seiner verborgenen Lebensweise in Mulmhöhlen (Baumhöhlen) alter knorriger Laubbäume. Der dunkle Käfer erreicht eine Größe von etwa 23 bis 39 Millimetern. Bevorzugt lebt der Wärme liebende Käfer in naturnahen, lichten, totholzreichen Laubwäldern, Flussauen, Parkanlagen und Alleen mit einem hohem Anteil alter, anbrüchiger und höhlenreicher Laubbäume (Eichen, Buchen und Kastanien) an äußeren und inneren, sonnenexponierten Bestandsrändern. Durch übertriebene „Pflegemaßnahmen”, die anbrüchigen Bäumen all zu schnell den Garaus machen, zählt sein Lebensraum zu den dramatisch schwindenden in ganz Europa.
 

Rotbauchunke (Bombina bombina)

Sie ist ein stark wassergebundener (Teiche, Tümpel, Flussauen), tag- und nachtaktiver Froschlurch von drei bis fünf Zentimeter Kopf-Rumpflänge. Die Färbung ihrer Oberseite ist ein dunkles grau- bis grünbraun. Ihre Bauchseite ist schwarz bis bleigrau mit winzigen hellen Pünktchen und deutlichen orangefarbenen bis roten Flecken besetzt. Das Weibchen legt mehrmals jährlich Eier, meist im Mai und Juni auf Wasserpflanzen oder auf den Grund. Die Rotbauchunke überwintert an Land im Umkreis von zirka 100 Meter um ihr Gewässer in Erdhöhlen, oder unter Totholz. Als Laichgewässer werden mittlere und größere ruhige, permanente Gewässer aufgesucht, häufig aber auch temporäre Überschwemmungsflächen. Die Uferregionen sind häufig intensiv der Sonne ausgesetzt und die Wasserstellen zeichnen sich durch reichlich überschwemmungsgeprägte Vegetation aus.
 

Grüne Keiljungfer (Ophiogomphus cecilia)

Die Grüne Keiljungfer ist eine zirka 5 bis 6 Zentimeter große, farbenprächtige Libelle. Ihr Kopf und ihr Brustabschnitt sind von einem leuchtenden Grasgrün, während ihr Hinterleib schwarz-gelb gezeichnet und beim Männchen keilförmig erweitert ist (daher der Name). Die großen Komplexaugen der Grünen Keiljungfer stoßen in der Kopfmitte nicht wie bei vielen anderen Libellenarten zusammen, sondern sind deutlich getrennt. Die grüne Keiljungfer braucht zum Überleben Gewässer, wie es die Lakomaer Teiche sind.
 

Lacoma e.V.

Der Verein versucht Umwelterleben und ökologische Bildung mit Kunst- und Kulturarbeit zu verbinden (www.lacoma.de).Grüne Liga (Bundeskontaktstelle Wasser)
Die Bundeskontaktstelle ist seit Jahren in verschiedenen Bereichen zusammen mit anderen Verbänden und Initiativen für den Gewässerschutz aktiv. Sie engagiert sich weiterhin intensiv für den Erhalt der Lakomaer Teiche (www.grueneliga.de)
 
 

*) Gutachten vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, vom Oktober 2004, im Auftrag des Umweltbundesamt: „Braunkohle – ein subventionsfreier Energieträger?“. Download unter: www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/2004/pd04-095.htm