Unteres Odertal

Ein Nationalpark in Brandenburg

Wir alle haben uns inzwischen sehr stark von der Natur entfremdet. Fällt der Begriff Park, so assoziieren wir am ehesten ein von Menschenhand geformtes Stückchen Erde. Ein Nationalpark muss dann eben nur einige Kategorien größer sein. Erst ein Naturschutzgebiet verspricht dann den „Schutz“ der Natur vor dem Menschen.

Weit gefehlt! Im Nationalpark sind mindestens 50 Prozent der Fläche völlig aus der Nutzung des Menschen genommen – so die Theorie. Nur dort kann und soll sich die Natur völlig ungehindert ausbreiten, während in Naturschutzgebieten der Mensch regulierend eingreift.

Brandenburg hat sich 1995 mit dem Nationalpark Unteres Odertal (etwa 10 500 Hektar) seinen ersten und bisher einzigen Nationalpark per Gesetz geschenkt. Er ist damit einer der jüngsten der 15 Nationalparks Deutschlands. Hervorgegangen ist er aus einer Reihe von Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten, die schon viele Jahrzehnte vorher bestanden.

Das rund 60 Kilometer lange Untere Odertal, im Norden des Oderbruchs gelegen, bildet den letzten Teil der mehr als 650 Kilometer langen Oder. Es grenzt unmittelbar an zwei polnische Landschaftsschutzgebiete, den Landschaftsschutzpark Unteres Odertal (etwa 6000 Hektar) und den Landschaftsschutzpark Zehden (53 000 Hektar). In Zukunft sollen alle zu einem internationalen Nationalpark zusammengeführt werden. Von großem Vorteil für die naturnahe Entwicklung dieser Region hatte sich die Grenzsituation erwiesen. Eine intensive Bebauung fand dort niemals statt. Alte Polderanlagen wurden nicht mehr genutzt und ließen gerade im polnischen Teil wieder natürliche Überflutungsgebiete entstehen.

Die Gründung eines Nationalparks mag auf dem Papier sehr schnell gehen, ist in der Realität aber ein langfristiger Prozess, in dem unterschiedliche Interessen aufeinander prallen und in Einklang miteinander gebracht werden müssen.

Der Rückzug der Eismassen vor 15 000 Jahren gab dem Unteren Odertal seine charakteristische Form. Die Endmoränen bilden heute die Höhenzüge beiderseits der Oder.

Nach holländischem Vorbild wurde die ehemals natürliche Aue von 1894 bis 1932 eingedeicht, um ein Rückhaltebecken für die Winterhochwasser zu erhalten. Im Westen bildete die neu entstandene Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße und im Osten die Oder eine von Altarmen durchzogene Landschaft.

Herz des heutigen Nationalparks sind die Polder zwischen Stettin im Norden und Hohensaaten im Süden. Das zwei bis drei Kilometer breite Untere Odertal ist eine der letzten natürlichen Auenlandschaften Deutschlands. Im Norden ist er geprägt von natürlichen Auenwäldern und weiträumigen Seggen-, Röhricht- und Schilfbeständen. Seine besondere Bedeutung hat sich für jeden einsichtig 1997, im Zuge der Jahrhundertflut gezeigt. Hier bekamen die Wassermassen der Oder freien Raum, und nahmen so den Druck von den weiter südlich gelegenen Deichen des Oderbruchs. Die regelmäßige natürliche Überflutung der eingedeichten Bereiche (besonders im Winter) ist hier sogar gewollt. Die Flächen wirken wie ein gigantischer Reinigungsfilter für jährlich rund 150 Millionen Kubikmeter Wasser.

Bis 2010 soll die Hälfte des Nationalparks zum Totalreservat umgewandelt sein. In der Schutzzone I bleibt die Natur dann frei von menschlichem Einfluss. Eine Pufferzone (18 000 Hektar) von Landschaftsschutzgebieten und Naturschutzgebieten umgibt diesen Bereich. Hier sollen ausschließlich sanfter Tourismus (mehr als 200 000 Besucher pro Jahr) und eine extensive Landwirtschaft gefördert werden. Etwa 300 Menschen bestreiten allein in der Landwirtschaft des Nationalparks und seiner Umgebung einen Teil ihres Lebensunterhalts.

Die Auenlandschaft im Unteren Odertal gliedert sich in drei Bereiche. Der polnische Teil im Norden war in den letzten 50 Jahren fast frei von menschlichem Einfluss. Die seit mehr als 50 Jahren nicht mehr eingedeichte Landschaft wird wieder regelmäßig überflutet, reinigt so das Oderwasser und dient gleichzeitig als Hochwasserschutz und Rückhaltebecken. Der Süden dagegen ist ein so genannter Trockenpolder. Der mittlere Bereich besteht aus Nasspoldern, die bewusst einer regelmäßigen Überflutung ausgesetzt werden.

Flora und Fauna

Als Feuchtgebiet gehört das Untere Odertal zu den artenreichsten in ganz Deutschland. Die Hänge der Oder sind teilweise mit naturnahen dichten Buchen- und Ulmenwäldern bewachsen. Die flachen Bereiche bieten je nach Feuchtigkeitsgehalt unterschiedlichsten Pflanzen eine Heimstatt. Von Auenwäldern über Sumpf-, Trocken-, sowie Steppenpflanzen zeigt sich hier eine reichhaltige Pflanzengesellschaft, die gerade im Frühjahr eine wahrhaft blühende Landschaft erzeugt. Etwa 1000 Pflanzenarten finden sich hier, darunter viele in ihrem Bestand oder sogar vom Aussterben bedrohte.

Im Laufe der Jahre haben sich vor Ort seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt oder wieder zu sicheren Beständen entwickelt. Allein 120 Vogelarten, darunter einige Adlerarten sind hier heimisch. Mehr als 250 von ihnen wurden vor Ort beobachtet. Als Rast-, Brut- und Überwinterungsplatz für Hunderttausende Vögel kommt dem Odertal eine große Bedeutung zu. In den Altarmen finden sich mehr als 40 einheimische Fischarten, dazu kommen viele Reptilien, Amphibien und Säugetiere.

Nationalparkhaus und Besucherzentrum

Schloss Criewen in Schwedt ist Sitz der Nationalparkverwaltung und gleichzeitig deutsch-polnisches Umweltbildungs- und Begegnungszentrum.

Für interessierte Besucher wurde eine Ausstellung gestaltet, die Auskunft über Geschichte, Flora und Fauna sowie Aufgaben des Nationalparks gibt. Ein großes Aquarium zeigt viele einheimische Fischarten. Fast 30 000 Menschen besuchen jährlich das Nationalparkhaus. Führungen durch den Park, Unterrichts-Veranstaltungen für Schulklassen und Praktika bieten eine breite Palette, um sich dieser Landschaft zu nähern.

Wer die Natur lieber individuell erleben möchte, kann zu Fuß oder per Rad unter vielen möglichen Routen durch den Nationalpark wählen. Von einigen wenigen Kilometern bis zu 60 und mehr, die sich dann beiderseits der Oder erstrecken, ist alles denkbar.

Ralf Salecker (Text und Fotos)