Das Landgut Stober, welches früher Landgut Aborsig genannt wurde

Ein ehemaliges Mustergut im Havelland

Ein Ausflugstipp besonderer Art führt uns heute ins Havelland. Nach Groß Behnitz, zu einem Denkmalensemble mit einer langen Geschichte, interessanten Gegenwart und viel versprechenden  Zukunft.
Mit dem Auto von Nauen kommend fahren wir am leider stillgelegten Bahnhof von Groß Behnitz vorbei in den Ort  gleichen Namens. Kurz vor der Mitte des Dorfes fällt unser Blick rechter Hand auf einen, der industriellen Fabrikarchitektur der Borsig-Werke in Berlin ähnelnden, Gebäudekomplex aus rotem Ziegelmauerwerk mit Schmuckelementen aus Terrakotta. Es ist das „Landgut A. Borsig“ (welches inzwischen den Namen „Landgut Stober“ trägt – Stand Dez. 2015).

Landgut Borsig, Eingangstor (Foto: Peter Siebke)
Durch ein kunstvoll geschmiedetes Tor, welches von zwei Pfeilern aus roten Ziegeln gehalten wird, betreten wir den Gutshof. Was sind das aber auf den Pfeilern für Sandsteinfiguren?

Die imposanten Figuren, die vom bekannten preußischen Baumeister Carl von Gontard stammen, standen ursprünglich auf dem Oranienburger Tor in Berlin. Im Jahr 1866 kaufte Albert Borsig, dessen Maschinen- und Lokomotivenfabrik direkt an der Berliner Zollmauer mit dem darin befindlichen Oranienburger Tor stand, dem hoch  verschuldeten Grafen von Itzenpitz das Gut, Schloss und den traumhaften Park am Behnitzer See ab. Als im Jahr 1867 das Oranienburger Tor wegen der Stadterweiterung abgerissen wurde, kaufte Borsig die vorhandenen Figuren und krönte die Pfeiler seines gerade erworbenen Sommersitzes in Goß Behnitz damit.

Borsig begann sofort ein landwirtschaftliches Mustergut aufzubauen. Das geschah mit modernster Landmaschinentechnik, Bahnanschluss und einer Ziegelarchitektur, die sich an die der Borsig’schen Industrieanlagen anlehnte. Neben dem Verwaltungsgebäude gab es ein Gäste- und Kutscherhaus,einen Rinderstall, die Schmiede, sowie einen Kornspeicher und eine Brennerei.

Landgut Borsig, Die ehemalige Brennerei (Foto: Peter Siebke)
Einerseits als Industrieller und andererseits als Gartenliebhaber mochte er interessante Gegensätze. Das zeigt die Auswahl des Ortes seines Sommersitzes, dessen Gestaltung und Bewirtschaftung in der Traumkulisse romantischer Natur am Behnitzer See. Das Landgut Borsig in Groß Behnitz ist ein einmaliges Zeugnis für die agrarindustrielle Produktion, Baukunst und Parkarchitektur auf dem Lande in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland.

Bewirtschaftet wird das Landgut als Betriebsteil der A. Borsig Maschinenbauanstalt nach modernsten landwirtschaftlichen Methoden und durch den Einsatz von Dampfpflügen und anderen Maschinen aus den Berliner Werken ein agrar-industrieller Musterbetrieb.
Mit der Abgabe von Geld und Land an die Eisenbahngesellschaft erhält Borsig das Recht, Züge der Strecke Hannover – Berlin in Groß Behnitz halten zu lassen. Drei Generationen der Familie Borsig leben und engagieren sich sozial in Groß Behnitz. Sie fördern Kunst und Wissenschaft und stellen eine wirtschaftliche Kraft dar. Albert Borsig läßt das Bahnhofsgebäude 1869 bauen sowie die Dorfstraße begradigen und pflastern. Eine Schule und ein Kindergarten werden gebaut, die Dorfkirche restauriert und Wälder aufgeforstet.

Aberts Sohn erlangt 1909 den Adelstitel. Dessen Sohn Ernst jun. von Borsig knüpfte bereits Ende der 1930er Jahre Kontakte zu den Männern des 20. Juli 1944. So zu seinem ehemaligen Schulfreund Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944), Botho von Wussow (1901-1971), Ulrich-Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld (1902-1944), der zum engsten Kreis der Verschwörer des 20.Juli gehörte und Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945), der Begründer des “Kreisauer Kreises”, der sich in den Jahren 1942/43 mehrmals konspirativ auf dem Gut Groß Behnitz trifft.

Die prosperierende Borsig-Ära endet mit dem 2. Weltkrieg. Nach Ende des zweiten Weltkriegs verschweigt Ernst von Borsig seine Mitgliedschaft in der zivilen Widerstandsgruppe und stirbt im September 1945 in sowjetischer Gefangenschaft.

Hinter der dem Gut gegenüberliegenden Dorfkirche, befindet sich eine im Jahr 1866 für die Familie Borsig errichtete Grabanlage. Sie wurde jüngst auch mit Geld der Familie von Borsig in Stand gesetzt. Hier ruhen Albert Borsig (1829-1878), Sohn des Gründers der Berliner Maschinenbauanstalt August Borsig (1804-1854), sowie dessen Sohn Ernst von Borsig (1869-1933).

Kirche mit Grabanlage der Familie Borsig (Foto: Peter Siebke)
Im Sommer 1947 brach im Schloß ein Brand aus, der das Schloß nur geringfügig schädigte, was aber trotzdem zu seinem Abriß führte.

Nach der Bodenreform in der damaligen DDR wurde das Gut von einer der neu gegründeten Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPG) heruntergewirtschaftet. Als diese nach der Wiedervereinigung 1990 das Gelände verläßt, fällt es der endgültigen Verwahrlosung anheim.
Zehn Jahre sehen die Landesregierung mit ihrer Denkmalpflegebehörde und die Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) dem Verfall der Gebäude zu.

Seit dem Jahr 2000 gibt es einen engagiertener Investor, der mit Idealismus, Durchhaltevermögen und gemeinsam mit dem Verein „Tradition und Zukunft Landgut Borsig e.V.“ das Anwesen saniert.
Mit viel Aufwand wurden die verschiedenen Gebäude des Gutes rekonstruiert.

In den ziegelbelassenen Ställen gibt es Säle für Veranstaltungen für bis zu 2.000 Personen. Ein Standesamt, das bereits eröffnete Restaurant “Seeterrassen” und ein kleines Hotel mit 48 Betten sind gute Voraussetzungen für Familienfeiern. Vom runden Geburtstag bis zur Hochzeit.
In diesem Jahr fanden auf dem gesamten Gelände die verschiedensten Veranstaltungen im Rahmen des Kultursommers Havelland statt.

Im Landgut Borsig kann man deutsche Geschichte erfahren. Von der frühen dörflichen Entwicklung im Jahr 1173, in dem Groß Behnitz erstmalig urkundlich erwähnt wurde, über die Veränderung der ländlichen Struktur zur „Kulturlandschaft“ in der Gründerzeit, die Ereignisse während der Nazizeit, die Bodenreform nach 1945 bis hin zur Wiedervereinigung Deutschlands. Das alles wird sehr anschaulich in einer Dauerausstellung im Restaurant “Seeterrassen” gezeigt.

Peter Siebke
 
Landgut Stober Kontor GmbH & Co. Betriebs KG
Behnitzer Dorfstraße 27-31
14641 Nauen OT Groß Behnitz

www.landgut-stober.de