Biosphärenreservat Spreewald

Eine von Menschen geformte Kulturlandschaft

Der Spreewald, so wie wir ihn heute kennen, ist eine relativ neue, vom Menschen veränderte und geformte Landschaft. Seine ursprüngliche Gestalt entstand vor rund 20 000 Jahren während der so genannten Weichselvereisung. Im Norden des Oberspreewaldes und im Westen des heutigen Unterspreewaldes türmten Gletscher riesige Moränenzüge auf. Infolge der Erosion durch die Schmelzwasser wurde der Boden des Berliner und Baruther Urstromtales „tiefer gelegt“.

Heuhaufen, Spreewald - Foto: Ralf Salecker

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Heuhaufen, Spreewald - Foto: Ralf Salecker

Vor etwa 10 000 Jahren, am Ende der Eiszeit, fand die Spree nördlich der heutigen Stadt Cottbus ihren Weg in das Baruther Urstromtal, welches das Wasser in Richtung Westen ableitete. Genau hier liegt der heutige Oberspreewald.

In diesem Bereich bildete sich ein ausgedehntes Binnendelta, ein Netz von fast 1000 Kilometer Länge, weil sich der Fluss wegen des geringen Gefälles nicht in das Gelände einschneiden konnte. Neue Flussarme bildeten sich und verlandeten auch wieder. Aus den mitgeführten Schwemmsanden entstanden im Laufe der Zeit unzählige kleine Talsandinseln – so genannte Kaupen – ideale Orte für eine menschliche Besiedlung (Streusandsiedlungen) in einer weitläufigen Auenlandschaft.

Als zum Ende der Eiszeit viele tiefer gelegene Gebiete frei von Gletschern waren, flossen die Schmelzwasser in die „Urspree“ nach Norden. Die nördlich von Lübben gelegene Niederung des heute 100 Quadratkilometer großen Unterspreewalds entstand.

Ausgedehnte Wälder aus Pinien, Weiden und Kiefern wuchsen heran, bremsten die Kraft des Wassers und zwangen die Spree in festere Betten. Später dominierten dann ausgedehnte Erlenwälder die Landschaft.

Die mehrmonatige Überflutung der Waldgebiete während der Winterzeit begünstigte die Torfbildung des unter Luftabschluss modernden Laubs und schuf so die spreewaldtypischen Moorböden. In den höheren Lagen entstanden erst Eichen- und später dann auch Buchenwälder.

In der Bronzezeit, also vor 3400 Jahren, begann der Mensch durch umfangreiche Rodungen die Landschaft merkbar zu verändern. Während einer länger andauernden Trockenzeit war hier für einige hundert Jahre sogar Ackerbau möglich. Vor zirka 2000 Jahren verringerte sich aus unbekannten Ursachen die Siedlungstätigkeit erheblich. Die Wälder konnten sich erneut ausbilden.

Ab dem 11. Jahrhundert begannen die Menschen, den Spreewald wieder zu kolonisieren. Sie lebten von dem, was der Wald und die Viehwirtschaft auf den Wiesen, sowie die Fischerei hergaben. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich der Gemüseanbau. Flämische Tuchmacher, die dort siedelten, brachten die Gurke ins Land. Ab dem 18. Jahrhundert waren dann rund drei Viertel der ursprünglichen Urwälder in Wiesen und Äcker umwandelt. Erst dieser Eingriff schuf die bis heute existierende kleinflächige Form der Landnutzung. Ein Mosaik von Wald, extensiv genutzten Äckern und Wiesen entstand. Der Wechsel von Überflutungen und Trockenheit ließ beständig ungenutzte Brachflächen entstehen. Die Vielfältigkeit der Landschaft bot immer mehr Tieren einen Lebensraum.

Kanäle wurden errichtet, Spreearme ausgebaut und begradigt, um das Wasser aus der Niederung abzuführen und die stete Hochwassergefahr einzudämmen. Um auch während der Trockenzeiten schiffbare Fließe zu haben, wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts im Oberspreewald der Nord- (3500 Hektar) und Südpolder (2480 Hektar) errichtet. Mehrere Stauanlagen, quer zur Fließrichtung angelegt, regulieren den Wasserstand. Völlig neue Gräben wurden geschaffen. Schleusen ermöglichten weiterhin die Nutzung mit Booten. Mit Beginn der geregelten Forstwirtschaft, wurden die ursprünglichen Erlenbruchwälder teilweise durch Erlen-Rabattenkulturen ersetzt. Weitgehend verschwunden sind extensiv genutzte vernässte, staufeuchte Äcker – und mit ihnen die seltenen Ackerwildkräuter. Heute gibt es 12 so genannte Staugürtel mit über 100 Stauwehren im inneren Ober- und Unterspreewald.

In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Land- und Viehwirtschaft intensiviert und auf immer größeren Flächen genutzt. Die natürlichen Waldbestände wurden zurückgedrängt. Milchviehanlagen mit 2000 Kühen und Jungrindanlagen mit 15 000 Tieren entstanden. Da der Aufwand für den Abtransport der Gülle nicht mehr ökonomisch war ging man verstärkt zur Weidehaltung über. Die Fruchtbarkeit der Böden ging zurück. Wertvoller natürlicher Lebensraum wurde vernichtet. Flussbegradigungen, Ausbaumaßnahmen und Stauregulierungen blieben nicht ohne Folge für das Artenreichtum der Flüsse und Bäche. Kaum ein See im Biosphärenreservat weist heute noch die gleiche Wasserqualität auf wie vor den umfangreichen Regulierungsmaßnahmen. Ausgedehnte Unterwasserpflanzenbestände sind heute kaum noch zu finden.

Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts fließen große Wassermengen aus dem Braunkohlentagebau der Lausitz in die Spree. Um an die Kohlenflöze zu gelangen, muss der Grundwasserspiegel gesenkt werden. Das so genannte Sümpfungswasser wird dann abgeleitet. Bis hin in die 1990er Jahre bekam der Spreewald so rund 50 Prozent mehr Wasser, als vorher. Der Bau von Poldern und die Gewässerbegradigungen verringerte die Wasserrückhalteflächen von 24 000 Hektar, wie in den 1930er Jahren, auf nur noch ein Drittel der Fläche. Die Schließung vieler Tagebaue, sowie die aktuelle Auffüllung der Tagebaurestlöcher mit Wasser haben die ankommenden Wassermengen deutlich absinken lassen. Die klimatische Entwicklung der Zukunft, mit erheblich geringeren Niederschlagsmengen, wird für den Spreewald das Wasserdargebot noch weiter absenken.

1991 wurde der Spreewald von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. 475 Quadratkilometer Wald-, Wiesen und Wassergebiet stehen seit dem unter besonderem Schutz.

Ein Fünftel sind heute Naturschutz- und vier Fünftel Landschaftsschutzgebiet. Die beeindruckende Artenvielfalt des Spreewalds ist eine Folge des bunten Mosaiks von unterschiedlichen Biotoptypen wie verschiedene Waldgesellschaften, Gehölze, offene Landschaften mit Äckern und Wiesen, Moore, Feucht- und Trockenbereiche und natürlich der Fließe selbst. Immer neue Pflanzen- und Tierarten, auch viele bedrohte, werden hier entdeckt.

Um diese einzigartige vom Wasser abhängige Auenlandschaft zu erhalten muss das Wasser wieder länger im Gebiet gehalten werden. Im Rahmen des „Gewässerrandstreifenprojektes Spreewald“ sollen das Wasserspeichervermögen der Landschaft und die Lebensraumqualität von Fließgewässern verbessert, Niedermoorstandorte revitalisiert, sowie eine standortgerechte Bodennutzung gefördert werden. Mit einer Verbesserung der Filterwirkung des Bodens steigt gleichzeitig die Qualität des Wassers, was seltene Pflanzen und Tiere wieder heimisch werden lässt.

Spezielle Förderprogramme sorgen für eine umweltverträgliche Nutzung, die den ursprünglichen Charakter der Landschaft bewahren hilft. Die naturverträgliche Landnutzung durch Vertragsnaturschutz, wie auch der ökologische Landbau mit dem Leitbild der Erhaltung und Entwicklung einer hohen Umwelt- und Lebensqualität haben den Spreewald inzwischen zur Öko-Region Nummer Eins in Deutschland gemacht. Mehr als 60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden inzwischen ökologisch bewirtschaftet.

Die touristische Nutzung mit Kahnfahren, Paddeln, Radfahren und Wandern soll so entwickelt werden, dass die Kulturlandschaft Spreewald auch für die nächsten Generationen erhalten bleibt. Empfindliche und naturschutzfachlich wertvolle Bereiche müssen so auch weiterhin ihrer freien vom Menschen ungestörten Entwicklung überlassen werden.

Ralf Salecker (Text und Fotos)

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